Wettbewerbsfähigkeit der Agrarwirtschaft in Transformationsländern

Frauke Pirscher, Peter Tillack

Published: 01.08.1999  〉 Heft 8/9/1999  〉 Resort: Article  〉  German Only
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DOI:
N. A.

ABSTRACT

Angesichts der bevorstehenden EU-Osterweiterung ist die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit des Agrarsektors in den Assoziierungsländern von zentraler Bedeutung, sowohl für die betreffenden Mittel- und Osteuropäischen Länder (MOEL) selbst als auch für die EU-Mitgliedsstaaten. Von Interesse sind hierbei insbesondere die gesamtwirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Wettbewerbsvor- oder -nachteile der MOEL, die Auswirkungen eines EU-Beitritts oder einer weiteren Marktliberalisierung auf die Produktionsstruktur und das Betriebseinkommen sowie die Rentabilität einzelner Produktionszweige.
Die vorliegende Ausgabe der Agrarwirtschaft stellt Ergebnisse quantitativer Analysen der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Länder sowie spezieller Produkte vor und vergleicht einzelne Länder miteinander. Das Heft gibt zudem einen Einblick in unterschiedliche Methoden der Wettbewerbsmessung. Die ausgewählten Publikationen gehen mehrheitlich auf Vorträge zurück, die während einer Tagung des Institutes für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) zum Thema "Competitiveness of Agricultural Enterprises and Farm Actvities in Transition Countries" vom 22.-24. November 1998 in Wittenberg gehalten wurden (vgl. Tillack und Pirscher 1999).
Zehn Jahre nach Beginn der Transformation lassen sich sowohl bezüglich des Tempos des Überganges zur Marktwirtschaft als auch hinsichtlich der Produktionsentwicklung zwischen den MOEL deutliche Unterschiede feststellen. In Ungarn, Slowenien, der Slowakischen Republik, Rumänien und Litauen ist der Produktionsumfang der pflanzlichen Produktion deutlich angestiegen. Mit Ausnahme Ungarns konnten alle o.g. Länder das Produktionsvolumen von 1989 wieder erreichen oder sogar übertreffen. Polen, die Tschechische Republik, Estland, Lettland und Bulgarien hingegen produzieren weiterhin entschieden weniger als zum Ende der sozialistischen Ära. Die Flächenerträge aller MOEL weisen keine abnehmende Tendenz mehr auf, sind aber zum Teil recht starken Schwankungen unterworfen. Die Tierproduktion hat in allen Ländern mit Ausnahme Sloveniens abgenommen, die Produktivität ist jedoch über all wieder angestiegen, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Insgesamt liegt das Ertragsniveau sowohl der Pflanzen- als auch der Tierproduktion in allen MOEL deutlich unter dem der EU (Zmp, 1998). Der Verlust traditioneller Absatzmärkte, die Aufhebung der Preisbindung und verschiedene Privatisierungsstrategien haben ungeachtet ihrer ökonomischen Konsequenzen entscheidend zum anfänglichen Rückgang des Produktionsvolumens beigetragen. Die dadurch eingetretenen Liquiditätsschwierigkeiten der Betriebe begrenzen auch jetzt noch den Einsatz von Vorleistungen, insbesondere von Dünger und qualitativ hochwertigem Saatgut.
Wettbewerbsvorteile der Länder Mittel- und Osteuropas liegen zur Zeit vor allem in den niedrigen Produktionskosten. Insbesondere die Lohnkosten und Pachten, teilweise auch Inputpreise unterschreiten das EU-Niveau beträchtlich. Für Polen, Ungarn, Litauen und Rumänien liegen die Vorleistungspreise 20-30 Prozent unter dem Preisniveau der EU (Schüle). Da aber neben dem Ertragsniveau auch die Produktpreise niedrig sind - sie orientieren sich in vielen Ländern am Weltmarktpreis - kann die Mehrheit der Betriebe dennoch nicht oder nur gerade kostendeckend produzieren.
Entscheidend für eine rentable Produktion ist daher die Verbesserung der Faktorproduktivitäten. Hier werden je doch trotz des sich abzeichnenden Anstiegs erhebliche Defizite deutlich. Adler weist für die bulgarische Milchproduktion nach, daß die Arbeitsproduktivität nur etwa ein Zehntel der deutschen beträgt. Auch die Wirtschaftlichkeit des Vorleistungseinsatzes und die Bodenproduktivität sind sehr gering. Zu ähnlichen Feststellungen kommen Heinrich et al. für Ungarn. Es bestehen bei vielen Produkten noch erhebliche Produktivitätsreserven, die durch den Einsatz von Dünger, Pflanzenschutzmitteln oder hochwertigem Saatgut genutzt werden könnten. Notwendig hier für sind auch eine Verbesserung des betrieblichen Managements, konsequente Qualitätskontrollen in der Produktion und eine Steigerung der Arbeitseffizienz. Vor allem aber gilt es, die oft überalterte technische Maschinenausstattung der Betriebe zu erneuern. Angesichts zu erwartender Lohnkostensteigerungen innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre werden die MOEL ihre augenblicklichen Wettbewerbsvorteile verlieren, wenn sie nicht die Effizienz der Inputverwendung erhöhen (Adler; Heinrich et al.; Schüle). Insbesondere in der Tierproduktion ist dies dringend erforderlich.
Bisher ist unklar, inwieweit die jetzige EU-Agrarpolitik auf die Assoziierungsländer übertragen wird. Unterstellt man jedoch eine völlige Übernahme einer Agrarpolitik gemäß der Agenda 2000, so würde dies in allen MOEL einen deutlichen Produktpreisanstieg zur Folge haben. Nach Berechnungen von Majewski et al. für Ungarn, Polen und die Slowakei erhöht sich das Betriebseinkommen im Durch schnitt aller Betriebe. Je nach Ausgestaltung der Agenda, natürlichen Bedingungen und jetziger Agrarpolitik in den einzelnen Ländern verändert es sich bei verschiedenen Betriebstypen jedoch in unterschiedlichem Maße. Einzelne Regionen oder Betriebsformen müßten aufgrund der natürlichen Bedingungen oder der Produktionsstruktur der Betriebe durchaus Nachteile in Kauf nehmen. Langfristig wer den sich aber auch die Vorleistungspreise dem EU Niveau anpassen. In welchem Umfang die Einkommenszuwächse dann noch bestehen bleiben, hängt entscheidend von der Fähigkeit der Betriebe ab, ihre Produktivitätsreserven auszuschöpfen und technischen Fortschritt zu realisieren.
Die Nahrungsmittelindustrie sieht sich ähnlichen Modernisierungserfordernissen ausgesetzt. Bojnec zeigt für die slowenische Verarbeitungsindustrie, daß sie zur Zeit weder im regionalen Handel mit Nachbarstaaten noch auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist. Unter den Bedingungen eines gemeinsamen Binnenmarktes behaupten sich die Betriebe nur dann, wenn sie durch Restrukturierung und Modernisierung ihre technische und ökonomische Effizienz verbessern. Ausländische Direktinvestitionen können hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Die Erhöhung des Kapitalstocks ermöglicht den Unternehmen, in moderne Technik zu investieren; neue Management- und Marketingstrategien wirken zusätzlich effizienzsteigernd (Banse et al.).
Entscheidend für die gesamtwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit einzelner Produktionszweige nach einem EU-Beitritt ist die Veränderung der Protektion im Vergleich zur jetzigen Situation. Generell verbessert ein Abbau der Protektion die gesamtwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit. Für den Fall eines EU-Beitritts Polens und Ungarns berechnen Banse et al. eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit für Ölsaaten, während bei Rindfleisch eine Verschlechterung eintreten würde. Nur die Einführung technischen Fortschritts kann diese negativen Effekte zum Teil kompensieren. Ausländische Dirketinvestitionen tragen zu einer Beschleunigung des technischen Wandels bei.
Unabhängig vom bevorstehenden EU-Beitritt muß es die Aufgabe der jeweiligen Agrarpolitik in den MOEL sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine rentabel wirtschaftende Landwirtschaft fördern. In den Ländern, in denen die Transformation schon weiter fortgeschritten ist, zählen hierzu der Aufbau eines Beratungs- und Preisinformationssystems, die Verbesserung des ländlichen Finanzsystems und die Förderung einer effizienten Vermarktungsstruktur. Für Länder wie Bulgarien, Estland oder Litauen, in denen erst geringe Teile des Bodens privatisiert sind, ist es für die weitere Entwicklung ganz entscheidend, die Privatisierung rasch abzuschließen, damit sich ein Bodenmarkt etabliert und eine überlebensfähige Betriebsstruktur entwickelt. Zur Vorbereitung des EU-Beitrittes ist es in allen Ländern erforderlich, bestehende Qualitätsstandards an die EU-Erfordernisse anzupassen.
Hinsichtlich der Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik ist für die landwirtschaftlichen Produzenten in den MOEL vor allem wichtig, daß die EU deutlich und recht zeitig signalisiert, ob und inwieweit Preisstützungen, direkte Einkommensübertragungen oder das Quotensystem bei Milch und Zucker auch nach dem Beitritt beibehalten werden, damit die Länder ihre Struktur- und Preispolitik entsprechend anpassen können. Jede spätere oder nachträgliche Reform würde die ökonomischen und politischen Kosten des Beitritts nur unnötig erhöhen.
Literaturverzeichnis

Tillack. P.; Pirscher, F. (Hrsg.) (1999): Competitiveness of Agricultural Enterprises and Farm Activities in Transition Countries. Kiel (in Bearbeitung). - ZMP (1998): Agrarmärkte in Zahlen. Mittel- und Osteuropa 98. Bonn.
Alle übrigen Literaturhinweise beziehen sich auf Artikel in diesem Heft.
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Dr. Frauke Pirscher und Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Tillack, Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), Abteilung Betriebs- und Strukturentwicklung im ländlichen Raum, Theodor-Lieser-Straße 2, D-06120 Halle. E-mail: pirscher@iamo.uni-halle.de; tillack@iamo.uni-halle.de
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