Entwicklungen und
Erfordernisse für Anpassungen im Agribusiness

KLAUS G. GRUNERT, HANNES WEINDLMAIER

Published: 31.08.2001  〉 Jahrgang 50 (2001), Heft 6 von 8  〉 Resort: Article  〉  Deutsch
Submitted: N. A.   〉 Feedback to authors after first review: N. A.   〉 Accepted: N. A.
DOI:
N. A.

ABSTRACT

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sich das Agribusiness in einer Phase rascher Veränderungen befindet. Auch einige zentrale Elemente dieses Veränderungsprozesses sind weitgehend unstrittig: der fortschreitende Strukturwandel sowohl in der Primärproduktion als auch in der Weiterverarbeitung und im Einzelhandel, die zunehmende Bedeutung der Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette anstatt der Analyse der einzelnen Stufen sowie die zunehmende Verbraucherskepsis gegenüber traditionellen Methoden der industriellen Lebensmittelproduktion.
Damit hört die Einigkeit allerdings auch auf. Darüber, wohin sich der agro-industrielle Komplex innerhalb der nächsten Jahre bewegen wird, aber auch darüber, welche Entwicklung eigentlich wünschenswert ist, gehen die Meinungen weit auseinander. Wird der Marktanteil starker, multinationaler Marken weiter steigen oder erleben wir eine Renaissance lokaler Produktion? Kann die Verbraucherskepsis durch internationale Zusammenarbeit im Bereich Lebensmittelsicherheit überwunden werden oder bewirkt sie eine vermehrte Zuwendung zu ökologischer Produktion? Kommt die westeuropäische Lebensmittelproduktion durch die osteuropäische unter starken Wettbewerbsdruck, oder öffnet die Osterweiterung der EU neue Marktchancen für die westeuropäischen Produzenten? Sind funktionelle Lebensmittel der große Wachstumsbereich der Zukunft oder werden technologieskeptische Verbraucher diese Produkte überwiegend ablehnen?
Wissenschaftliche Forschung kann in einer Situation solcher Turbulenz keine sicheren Prognosen liefern. Die Forschung kann jedoch wahrscheinliche Entwicklungen aufzeigen und Alternativen nach wissenschaftlichen Kriterien evaluieren. Damit ist es möglich, der Wirtschaft und Politik Entscheidungshilfen an die Hand zu geben. Das vorliegende Heft der Agrarwirtschaft ist ein Beitrag dazu. Die folgenden acht Abhandlungen betreffen alle Fragestellungen, die in der gegenwärtigen Diskussion über die Zukunft des Agribusiness von zentraler Bedeutung sind.
Der Beitrag von SONNE, HARMSEN und JENSEN zeigt die ganze Spannweite möglicher Entwicklungen auf. Anhand von drei Szenarien werden drei extreme Entwicklungsmöglichkeiten skizziert: ein erstes Szenario, in welchem das Vertrauen der Verbraucher durch ökologische Produktion und die Ablehnung moderner Biotechnologie zurückgewonnen wird, ein zweites Szenario, das durch eine konsequente Ausnutzung moderner Biotechnologie im Hinblick auf die Entwicklung gesundheitsfördernder Lebensmittel gekennzeichnet ist, und ein drittes Szenario, in dem der Strukturwandel und die veränderte Wettbewerbssituation dazu führen, dass die westeuropäische Lebensmittelproduktion unter extremen Kostendruck gerät. Obwohl die Studie auf den dänischen Markt ausgerichtet ist, kann davon ausgegangen werden, dass die drei Szenarien weitgehend auch für andere westeuropäische Märkte gültig sind. Die Zukunft wird mit keinem dieser Extremszenarien identisch sein, sondern einer Kombination von Elementen dieser Szenarien entsprechen. Die drei Szenarien zeigen jedoch, wie unterschiedlich die Anforderungen sein können, die auf das Agribusiness in den nächsten Jahren zukommen. Für die einzelnen Unternehmen wird es wichtig sein, frühzeitig Strategien zu formulieren, die sich als Antwort auf diese Entwicklungen eignen.
Die anderen Beiträge greifen jeweils zentrale Fragestellungen dieser Szenarien auf. Die in diesen Beiträgen diskutierten Entwicklungen werden entscheidend dafür sein, in welchem Ausmaß die drei Szenarien die Zukunft prägen werden.
NEUMANN und WEISS analysieren den Strukturwandel im Ernährungssektor und stellen die Frage, ob es sich hier um einen anhaltenden Konzentrationsprozess handelt, der die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Ernährungssektors in den Szenarien 2 und vor allem 3 stärken könnte, während er im Falle von Szenario 1 eher belanglos ist. Auf der Basis einer Modellanalyse kommen sie zum Ergebnis, dass von einem anhaltenden Strukturwandel auszugehen ist, wobei horizontale Fusionen eindeutig im Vordergrund stehen.
MENRAD untersucht, ob in Deutschland die Bedingungen für die Entwicklung neuer, gesundheitsfördernder Lebensmittel (Funktionelle Lebensmittel) gegeben sind und behandelt damit eine zentrale Frage für die Zukunft, die in Szenario 2 geschildert wird. Der Beitrag weist auf erhebliche Schwächen sowohl in der staatlichen Forschungsförderung als auch in den KMU's hin und gibt Hinweise, in welchen Bereichen in besonderem Maße Handlungsbedarf besteht.
HARTMANN stellt eine umfassende Analyse des Strukturwandels und der Wettbewerbsfähigkeit des Molkereisektors in den osteuropäischen Ländern vor und erlaubt damit erste Einsichten in die Frage, wie ernsthaft die für Szenario 3 zentrale Frage der Konkurrenz aus osteuropäischen Ländern ist.
DIENEL sowie ALBISU und CORCORAN untersuchen Probleme beim Absatz von ökologischen sowie von regionalen Produkten, die einen zentralen Bestandteil des ersten Szenarios berühren. DIENEL zeigt anhand einer Analyse auf der Basis der Transaktionskostentheorie auf, dass für die Erweiterung des Ökomarktes vor allem Ressourcenbeschaffungsprobleme, Marktstrukturprobleme und Probleme der Absicherung der speziellen Pionierinvestitionen zu lösen sind. Vor allem die Lösung der Absicherungsprobleme wird als die zentrale Aufgabe angesehen, falls der Ökomarkt in großem Maße erschlossen werden soll. ALBISU und CORCORAN beschreiben die Möglichkeiten, die kleine regionale Produzenten für die Vermarktung ihrer Produkte durch geschützte Ursprungskennzeichnungen haben, sowie Strategien, die deren Wettbewerbsposition verbessern können.
GELLYNCK und VERBEKE sowie BÖCKER und ALBRECHT beschäftigen sich schließlich alle mit einem zentralen Aspekt aus den ersten beiden Szenarien, nämlich der Frage, wie Verbraucher die Sicherheit von Lebensmitteln auffassen.
Zusammen vermitteln die acht Beiträge eine Vielzahl von interessanten Einsichten in Problemstellungen, die für die Zukunft des Agribusiness von zentraler Bedeutung sind. Aus wissenschaftlicher Sicht bemerkenswert ist dabei die Vielfalt der theoretischen und methodologischen Ansätze: Industrieökonomik, Transaktionskostentheorie, Systemtheorie und Verbraucherpsychologie finden sich unter den verwendeten Theoriegrundlagen. Die angewandten Methoden variieren von quantitativen experimentellen Designs bis zu qualitativen Verfahren. Nicht nur das Agribusiness ist in einer turbulenten Phase - auch der Wissenschaftsbereich, der sich mit ihm beschäftigt.
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Prof. Dr. KLAUS G. GRUNERT, Wirtschaftsuniversität Aarhus, MAPP Forschungszentrum, Haslegaardsvey 10, DK-8210 Aarhus V (E-Mail: klg@asb.dk)
Prof. Dr. HANNES WEINDLMAIER, Institut für Betriebswirtschaftslehre des FML Weihenstephan, Technische Universität München, Weihenstephaner Berg 1, D-85356 Freising (E-Mail: Weindlmaier@bwl. blm.tu-muenchen.de).
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